Über Personalisierung von Medien reden wir, seit es das Internet gibt (mindestens). Mit dem "Liquid Content"-Konzept wird dieser Ansatz Realität: Jetzt können die Nutzer/innen bestimmen, welche Inhalte sie in welcher Form bekommen wollen. Warum On-Demand-Publishing auf Steroiden für Verlage relevant ist, erläutert Ehrhardt Heinold im folgenden Interview.
Seit wann wird über Personalisierung von Medien gesprochen – und was macht den Ansatz von „Liquid Content“ qualitativ anders als frühere Modelle?

Ehrhardt Heinold
Über Personalisierung wird tatsächlich seit den Anfängen des Internets gesprochen. Neu ist jedoch, dass sie mit Liquid Content erstmals konsequent umgesetzt werden kann. Während frühere Modelle meist bei festen Formaten und redaktionell definierten Ausspielwegen blieben, setzt Liquid Content beim Nutzer an: Er entscheidet, welche Inhalte er braucht und in welcher Form. Der qualitative Unterschied liegt darin, dass Inhalte nicht mehr als fertige Endprodukte gedacht werden, sondern als flexible Wissensbausteine, die sich situativ zusammenstellen und transformieren lassen – in Echtzeit und kontextabhängig.
Liquid Content dreht die klassische Wertschöpfungskette im Publishing um. Was bedeutet dieser Perspektivwechsel konkret für Medienunternehmen?
Klassisch haben Medienhäuser Inhalte produziert und anschließend entschieden, in welchen Formaten sie veröffentlicht werden. Mit Liquid Content beginnt der Prozess beim Bedarf der Nutzerinnen und Nutzer. Plattformen müssen in der Lage sein, aus einem Wissensfundament unterschiedliche Ausspielungen zu generieren – etwa einen Podcast, eine Kurzfassung oder eine Präsentation. Für Medienunternehmen heißt das: weg von formatgetriebenem Denken, hin zu bedarfs- und nutzergetriebener Content‑Logik. Publishing wird damit stärker zum Service.
Welche Rolle spielen strukturierte, atomare Content‑Einheiten im Liquid‑Content‑Ansatz, und warum sind sie trotz KI unverzichtbar?
Strukturierte, atomare Content‑Einheiten sind das Fundament von Liquid Content. Fakten, Zitate, Datenpunkte, Beispiele oder Visuals müssen klar modelliert, ausgezeichnet und miteinander verknüpft sein. KI kann Inhalte nur dann sinnvoll transformieren, kombinieren oder personalisieren, wenn diese Struktur vorhanden ist. Ohne saubere Content‑Modelle bleibt KI auf statische Texte beschränkt. Strukturierte Inhalte waren, sind und bleiben daher die Voraussetzung – KI verstärkt ihre Wirkung, ersetzt sie aber nicht.
In welchen Anwendungsfeldern sehen Sie für Fachmedien aktuell den größten Nutzen von Liquid Content – und warum gerade dort?
Besonders groß ist der Nutzen dort, wo Inhalte komplex, erklärungsbedürftig und stark kontextabhängig sind: etwa in Fachmedien, Rechts‑ und Technikkommentaren, Wissensportalen oder E‑Learning‑Angeboten. Nutzer wollen hier keine vollständigen Artikel lesen, sondern sehr gezielt Antworten, Erläuterungen oder Handlungsschritte. Liquid Content ermöglicht genau das, indem er passende Module bedarfsgerecht kombiniert und ausspielt – je nach Rolle, Vorkenntnissen oder Nutzungssituation.
Welche organisatorischen und technischen Voraussetzungen müssen Medienhäuser schaffen, um Liquid Content erfolgreich umzusetzen, ohne Qualität und Konsistenz zu verlieren?
Technisch notwendig ist eine API‑fähige, headless Architektur, die Content von der Präsentation entkoppelt und Personalisierung sowie KI‑Services integriert. Ebenso wichtig sind Daten über Nutzungskontexte und entsprechende KI‑Bausteine zur Transformation von Inhalten. Organisatorisch müssen Redaktionen lernen, modular und distributionsbewusst zu arbeiten. Es braucht klare Workflows, Rollen und Qualitätsregeln, damit Inhalte trotz vieler Varianten konsistent, verlässlich und markenkonform bleiben.
Dein Vortrag auf dem CrossMediaForum lautet "Liquid Content - Revolution oder alter Wein...?". Was wird die Kenboschaft sein?
Gerade für Fachmedienanbieter ist Liquid Content als Kombination aus Wissensmodell (Ontologie/Taxonomie), Micro‑Content und einem CMS attraktiv, weil je nach Kanal (Portal, Report, Training, Beratungstool) andere Views auf denselben Wissensbestand möglich sind und die Nutzer/innen bestimmen, was sie im jeweiligen Nutzungskontext benötigen.
Ehrhardt Heinold ist Moderator und Referent auf dem 28. CrossMediaForum.